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Ukraine

Zwischen den Karpaten und dem Schwarzen Meer

Thomas Gerlach, Gert Schmidt

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11., aktualisierte Auflage 2011

Trescher Verlag

ISBN 978-3-89794-192-2

Herausgegeben von Bernd Schwenkros und Detlev von Oppeln

Reihenentwurf und Gesamtgestaltung: Bernd Chill

Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für den Aushang, Vervielfältigungen, Übersetzungen, Nachahmungen, Mikroverfilmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier

Printed in Germany

Land und Leute

Die Westukraine

Kiev und Umgebung

Zentral- und Ostukraine

Die Schwarzmeerküste

Die Krim

Sprachführer

Reisetips von A bis Z

Anhang

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Inhalt

Vorwort

Hinweise zur Benutzung

Das Wichtigste in Kürze

Land und Leute

Die Ukraine im Überblick

Geschichte der Ukraine

Frühe Besiedlung

Die Kiever Rus'

Galizien-Wolhynien

Polen-Litauen und der Einfluss Moskaus

Die Kosaken

Katharina II.

Erwachender Nationalstolz

Oktoberrevolution und Bürgerkrieg

Die Sowjetukraine unter Stalin

Zweiter Weltkrieg

Von Stalin zu Gorbatschow

Die unabhängige Ukraine

Die Orangene Revolution

Präsident Viktor Janukovič und seine ›ukrainische Brücke‹

Wirtschaftliche Entwicklung

Kleine Kirchenkunde

Die unierte Kirche

Die orthodoxe Kirche

Matrjoschka und Pysanky – Volkskunst

Musik in der Ukraine

Die Kunst des Schaschlyk – die ukrainische Küche

Hopfen und Malz – kleine ukrainische Bierkunde

Die Westukraine

Die Regionen der Westukraine

Das historische Galizien

L'viv – L'vov – Lemberg

Geschichte der Stadt

Die Altstadt

Die nördliche Vorstadt

Die westliche Vorstadt

Rund um den Krakauer Markt

Stryjs'kyj-Park und Chmel'nyc'kyj-Park

Lyčakivs'ke-Friedhof

Museum für Volksarchitektur

L'viv-Informationen

Die Umgebung von L'viv

Žovkva

Krechiv

Drohobyč

Truskavec'

Ivano-Frankivs'k

Stadtzentrum

Halyč

Kolomyja

Deutsche Siedlungen in Ostgalizien

Ehemalige galiziendeutsche Dörfer

In den Karpaten

Jaremča

Vorochta

Skigebiet Bukovel

Jasinja

Wanderung auf die Hoverla

Slavs'ke

Die Transkarpaten

Die Karpatendeutschen

Užhorod

Mukačeve

Volovec'

Mižhir'ja und der Bergsee Synevyr

Rund um Chust

Ust'-Čorna

Rachiv

Die Bukowina

Černivci – Czernowitz

Ringplatz

Herrengasse

Rund um den pl. Soborna

Theaterplatz

Spuren jüdischen Lebens

Universität

Rund um den pl. Filarmoniji

Kirchen an der vul. Rus‘ka

Sehenswerte Friedhöfe

Podolien

Chotyn

Kam'janec'-Podil's'kyj

Höhlen in Podolien

Ternopil'

Chmel'nyc'kyj

Vinnycja

Nach Osten! – Unterwegs zwischen L'viv und Kiev

Oles'ko

Schloss Pidhirci

Brody

Pidkamin' und Počajiv

Dubno

Kremenec'

Luc'k

Žytomyr

Berdyčiv

Kiev und Umgebung

Kiev

Orientierung

Geschichte der Stadt

Die Oberstadt

Podil

Chreščatyk

Unterwegs zum Höhlenkloster

Das Höhlenkloster

Freilichtmuseum Pyrohiv

Kiev-Informationen

Černihiv

Geschichte

Rundgang durch Černihiv

Kaniv

Die Stadt Kaniv

Ševčenko-Gedenkstätte

Uman'

Der Sofijivka-Park

Das Grab des Rebbe Nachman

Das Raketenmuseum in Pervomajs‘k

Zentral- und Ostukraine

Die Sloboda-Ukraine

Myrhorod

Velyki Soročynci

Dykan'ka

Poltava

Geschichte der Stadt

Rundgang durch Poltava

Kremenčuk

Charkiv

Geschichte der Stadt

Das Stadtzentrum

Entlang der vul. Sums'ka

Čugujiv

Šarivka

Im Donbass – Kosaken, Kohle und Kultur

Das Kloster von Svjati Hory

Geschichte des Klosters

Ein Rundgang durch Svjati Hory

Donec'k

Geschichte der Stadt

Rundgang durch Donec'k

Krasnoe

Das Asovsche Meer

Mariupol'

Das Asovsche Jalta

Jur'jivka und Ursuf

Berdjans'k

Die Steppe

Dnipropetrovs'k

Geschichte der Stadt

Rundgang durch Dnipropetrovs'k

Novomoskovs'k

Zaporižžja

Geschichte der Stadt

Rundgang durch Zaporižžja

Die Insel Chortycja

Huljajpole

Enerhodar

Die Schwarzmeerküste

Cherson

Rundgang durch Cherson

Askanija-Nova-Reservat

Odessa

Geschichte der Stadt

Die Potjomkinsche Treppe

Vom Bahnhof zum Stadtgarten

Langeron-Straße

Prymors'kyj-Boulevard

Am Hafen

Rund um den Bahnhof

Die Strände

Bessarabien und das Donaudelta

Bilhorod-Dnistrovs'kyj

Das Donaudelta

Transnistrien

Einreise

Tiraspol'

Die Krim

Die Geschichte der Krim

Simferopol'

Sehenswürdigkeiten

Bachčysaraj

Die Höhlenstädte

Sevastopol'

Geschichte der Stadt

Die Schwarzmeerflotte

Rundgang durch Sevastopol'

Das antike Chersones

Jalta und die Südküste

Foros

Alupka

Schwalbennest

Der Palast von Livadija

Jalta

Masandra und Gursuf

Der Botanische Garten von Nikita

Der Osten der Halbinsel

Sudak

Feodosija

Kerč

Sprachführer

Reisetipps von A bis Z

Glossar

Die Ukraine im Internet

Literatur

Filmtipps

Die Autoren/Danksagung

Register

Bildnachweis

Kartenlegende/Kartenregister

Essays

Kleinrussen, Ruthenen oder Ukrainer?

Rezepte

Euphorie und Kopfweh - die Fußball-Europameisterschaft 2012

Alik Olisevyč – der letzte Hippie von L'viv

Bruno Schulz – ein galizischer Kafka

Huzulen, Bojken und Lemken

Holzkirchen in der Ukraine

Literatur aus Czernowitz

Pirogov – Arzt und Pädagoge

Josef Roth – Ein Jude auf Wanderschaft

Michail Bulgakov

Tschernobyl und die Folgen

Taras Ševčenko und das Vermächtnis seines Lebens

Nikolai Gogol'

Ein Abend auf dem Weiler bei Dykan'ka

Artjom – der kommunistische Schutzheilige des Donbass

Fromm und frei – die Kosaken

Grigorij Potjomkin – Herr über Neurussland

Isaak Babel' – das Warten auf den, der die Sonne besingt

Die Bessarabiendeutschen

Kazantip – das Techno-Paradies

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Im Kiever Höhlenkloster

Vorwort

Zugegeben, die Ukraine ist kein klassisches Reiseland wie etwa Spanien, Italien oder Ungarn. Aber warum eigentlich nicht? Es ist der Fläche nach das größte Land Europas, es bietet malerische Küsten, hohe Berge, breite Ströme, wunderschöne alte Städte, pittoreske Dörfer, Kirchen, Klöster, Traditionen, Folklore und reichlich Natur – kurzum: all das, was Reisende mögen. Doch die Ukraine, kaum 1000 Kilometer von Deutschland entfernt, scheint hinter einem Vorhang verschwunden. Meldungen sind spärlich und wenn, berichten Fernsehnachrichten von komplizierten politischen Fehden, korrupten Ministern und wüsten Schlägereien im Parlament.

Dabei war es schon einmal anders: Als viele Ukrainer während der Orangenen Revolution im Dezember 2004 auf die Straßen gegangen sind, wurde der Protest gegen die damalige Regierung auch von Sympathien aus dem Ausland mitgetragen. Die Bilder selbstbewusster Menschen weckten bei vielen Erinnerungen an die politische Wende 1989 in Deutschland und Ostmitteleuropa. Die Galionsfiguren von damals haben die Revolution wieder verspielt, und so scheint die Ukraine aufs neue versunken, doch der Aufbruch hat das Land verändert, und die Menschen, die sich emanzipiert haben vom sowjetischen Erbe und dessen politischen Sachwaltern, sind selbstbewusst geworden – und das auch im ganz direkten Sinn: Die Ukraine als junge europäische Nation ist zu sich selbst gekommen – in einem fortdauernden schmerzhaften Prozess der Selbstvergewisserung und des Austauschs zwischen den einzelnen Regionen, deren Geschichte bisher so unterschiedlich verlaufen ist. Die Ukraine ist unfertig, in manchem instabil, und zudem wird sie noch einen weiten Weg haben, um zu innerer Einheit, zu einer Zivilgesellschaft und zu Wohlstand zu gelangen. Vieles ist im Umbruch, und die Kontraste sind gewaltig: Erschreckende Armut und enormer Reichtum liegen oft dicht beieinander. Dennoch – die Ukraine ist ein wichtiger Teil des europäischen Kulturkreises und das schon seit mehr als tausend Jahren.

Jeder, der in die Ukraine reist, wird seinen eigenen Zugang finden. Dieser Reiseführer soll dabei eine Hilfe sein – doch nicht nur als Lieferant von Telefonnummern und Adressen. Er will Reiselust wecken, Vorbehalte abbauen und in Kultur und Geschichte der ukrainischen Regionen einführen – angefangen bei Dichtern und historischen Figuren über regionale Eigenheiten bis hin zu den Helden der Popmusik und typischen Kochrezepten.

Die Ukraine ist im Aufbruch. Wir bitten um Verständnis, wenn dadurch manche Information möglicherweise schnell veraltet. Die Autoren und der Verlag sind deswegen um so mehr für Hinweise und Vorschläge dankbar.

Obwohl sich auch in diesem Punkte vieles geändert hat – die Ukraine ist kein bequemes und leichtes Reiseland. Doch wer Neugier und etwas Abenteuerlust mitbringt, wer mit offenen Augen durchs Land reist und nicht nach jedem Schlagloch oder jedem röchelnden Wasserhahn verärgert abreisen will, der wird ein interessantes und schönes Land entdecken, in das er gern zurückkehren wird.

Hinweise zur Benutzung

Der erste Teil des Buches bietet allgemeine Informationen zu Land und Leuten. Im zweiten Teil werden ausführlich die Städte und Regionen beschrieben. In den Stadtplänen sind die Straßennamen in der Regel kyrillisch sowie in lateinischer Umschrift angegeben. Die Stadtpläne sind überwiegend ukrainisch beschriftet, im Osten und im Schwarzmeerraum russisch, weil dort meist die russische Variante anzutreffen ist. In den Informationskästen sind die Fahrkarten- und Hotelpreise in Euro umgerechnet, außerdem beziehen sich die Preise, wenn nicht anders angegeben, auf Doppelzimmer.

Bei Datumsangaben vor 1918 bezieht sich das Datum in Klammern auf den Gregorianischen Kalender.

Der Sprachführer soll mit einigen der wichtigsten Phrasen die Kommunikation erleichtern, denn mit Englisch oder Deutsch wird man in der Ukraine nicht allzu weit kommen. Er bietet sowohl die russische als auch ukrainische Übersetzung, da in der Ukraine beide Sprachen verstanden und auch meist gesprochen werden – im Westen und in der Zentralukraine Ukrainisch, im Osten und im Schwarzmeerraum Russisch. Offiziell ist allerdings überall Ukrainisch Amtssprache. Es ist sehr empfehlenswert, einen Russisch-Sprachführer mitzunehmen und sich ein wenig mit dem kyrillischen Alphabet zu beschäftigen.

Die Reisetipps von A bis Z, ein Glossar, Film- und Literaturhinweise sowie Internettipps beschließen das Buch.

In diesem Buch wird die wissenschaftliche Transliteration für ukrainische bzw. russische Eigennamen verwendet. Für Orts- und Personennamen wird in der Regel die ukrainische Form verwendet. Ausnahmen sind solche Namen wie Kiev oder Puschkin, die sich im Deutschen eingebürgert haben.

Zeichenlegende

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Allgemeine Informationen

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Flughäfen, Flugverbindungen

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Hinweise für Autofahrer

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Bahnverbindungen

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Busverbindungen

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Übernachtungsmöglichkeiten

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Restaurants, Cafés

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Museen

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Einkaufsmöglichkeiten

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Theater, Konzerthallen

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Strände, Parks

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Internet

Häufig vorkommende Abkürzungen

vul. (вул.)

ul. (ул.)

pl. (пл.)

pr. (пр.)

bul. (бул.)

prov. (пров.)

vulycja (вулиця)

ulica (улица)

plošča (площа)

prospekt (проспект)

bulvar‘ (булварь)

provoulok (провоулок)

Straße

Straße (russisch)

Platz

Prospekt, breite Straße

Boulevard

Gasse

Entfernungstabelle

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Das Wichtigste in Kürze

Einreise

Bürger der EU, der Schweiz, Liechtensteins, der USA und Kanada können bei einem Aufenthalt von bis zu 90 Tagen innerhalb eines halben Jahres ohne Visum einreisen. Man benötigt einen noch mindestens einen Monat über den beabsichtigten Aufenthalt hinaus gültigen Reisepass, der Personalausweis genügt nicht. Außerdem ist der Nachweis einer Reisekrankenversicherung mit Gültigkeit in der Ukraine erforderlich. Diese kann für wenig Geld bei jedem größeren Versicherungsunternehmen abgeschlossen werden.

Geld

Mittlerweile gibt es überall Geldautomaten (Банкомат), an denen man mit der ec-Karte abheben kann. Preiswerter ist allerdings der Umtausch von Bargeld (Euroscheine in kleiner Stückelung mitnehmen) in einer der zahlreichen Wechselstuben (Обмін валюти). Die Finanzkrise Ende 2008 hat die Ukraine schwer getroffen, die ukrainische Währung verlor innerhalb kurzer Zeit drastisch an Wert.

Im Frühjahr 2011 bekam man für 1 Euro knapp 11 Hryvnja, weshalb die Preisangaben, die in diesem Buch in Euro gemacht werden, nur als Anhaltspunkte dienen können.

Verständigung

Wenn man auf eigene Faust im Land herumreist, sind Russischkenntnisse von Vorteil, denn Fremdsprachenkenntnisse sind in der Ukraine außerhalb der großen Hotels noch nicht weit verbreitet. Es kann nicht schaden, sich wenigstens mit dem kyrillischen Alphabet vertraut zu machen (s. S.480).

Unterkunft

In den größeren Städten ist das Angebot ausreichend, allerdings ist dort wie überall in Osteuropa das Preis-Leistungsverhältnis eher ungünstig. Hotels der oberen Preisklasse sind meist überteuert, dies gilt besonders für Kiev und die Habinsel Krim. In der Regel ist es günstiger, vorab über einen Reiseveranstalter zu buchen. Beim Service muss man mitunter Abstriche machen.

Zeltplätze wie in Westeuropa gibt es kaum, auch Plätze zum Abstellen von Wohnmobilen sind rar.

Telefon

Telefonieren in der Ukraine funktioniert seit 2009 wie überall sonst in Europa auch. Die Landesvorwahlen sind +49 für Deutschland, +43 für Österreich, +41 für die Schweiz, +380 für die Ukraine. Zentrale Notrufnummer für Kartensperren aller Art (Kredit-, ec-, Handykarten): +49/116 116.

Klima

Es herrscht überwiegend gemäßigt kontinentales Klima mit kalten Wintern und heißen Sommern, wobei die Extreme gen Osten zunehmen. Im Süden der Krim ist es eher mediterran. Die beste Reisezeit ist von Mai bis Oktober.

Kleidung

Neben sommerlicher Kleidung sollten auch warme Sachen sowie Regen- und Windschutz eingepackt werden. Auf jeden Fall muss man bequemes und robustes Schuhwerk für Stadtspaziergänge und Besichtigungen dabeihaben.

Frauen sollten in Kirchen ein Kopftuch tragen, vor großen Klöstern und Kirchen werden Kopftücher verkauft. In kurzen Hosen und knappen Röcken erhält man keinen Einlass.

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Kinder in Lemberg

Sicherheit

Bei Einhaltung der überall gültigen Sicherheitsregeln ist die Ukraine ein sicheres und unproblematisches Reiseland. Wertsachen sollte man allerdings zu Hause lassen und Bargeld nicht in größeren Mengen spazierentragen. Bei größeren Menschenansammlungen und an belebten touristischen ›Brennpunkten‹ sollte man, wie in anderen Ländern auch, vor Taschendieben auf der Hut sein.

Einreise mit dem Auto

Man benötigt einen internationalen Führerschein und eine Grüne Versicherungskarte, die für die Ukraine gültig ist. Die Straßen sind vielerorts noch in einem schlechten Zustand, es muss zudem mit Fußgängern, Fuhrwerken und Tieren auf der Fahrbahn gerechnet werden. Die Beschilderung lässt auch oft zu wünschen übrig. Nachtfahrten sollte man vermeiden.

Werkstätten und Tankstellen gibt es an den Hauptstraßen ausreichend. Es gilt die Null-Promille-Grenze.

Nachts sollte man sein Fahrzeug auf bewachten Parkplätzen abstellen.

Zeitzone

In der gesamten Ukraine gilt ganzjährig: deutsche Zeit plus 1 Stunde.

Ausführliche Hinweise in den Reisetipps von A bis Z ab S. 503

Land und Leute

»Reisen sollte nur ein Mensch,
der sich ständig überraschen
lassen will.«

Oskar Maria Graf,
Reise nach Sowjetrußland

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Die Ukraine im Überblick

Ländername: Ukraine (Ukrajina/Украïна).

Fläche: 603700 qkm (nach Russland größtes Land Europas).

Bevölkerung: 46 Mio. Einwohner (78 % Ukrainer, 17 % Russen, 0,6 % Weißrussen, 0,5 % Moldauer, 0,5 % Krimtataren, 0,07 %, etwa 33 000, Deutsche, insgesamt über 100 Nationalitäten).

Bevölkerungsdichte: 78 je qkm.

Sprache: Staatssprache Ukrainisch, Verkehrssprache auch Russisch, insbesondere im Osten und im Schwarzmeerraum.

Alphabet: kyrillisch.

Staatsgrenzen: Polen, Weißrussland, Russland, Rumänien, Moldau, Ungarn, Slowakei.

Hauptstadt: Kiev, ca. 2,6 Mio. Einwohner, mit Vororten mehr als 3 Mio.

Weitere größere Städte: Charkiv (1,4 Mio.), Dnipropetrovs'k (1,1 Mio.), Odessa (1 Mio.), Donec‘k (1 Mio.), Zaporižžja (815000), L'viv (730 000).

Staatsform: semi-präsidiale Republik.

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Die Staatsflagge der Ukraine

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Das kleine Staatswappen der Ukraine

Gliederung: 24 Oblaste (Gebiete), dazu die Autonome Republik Krim; die Städte Kiev und Sevastopol' werden direkt von der Zentralregierung verwaltet.

Religionen: ukrainisch-orthodox (Moskauer Patriarchat) ca. 26 %, ukrainisch-orthodox (Kiever Patriarchat) ca. 50 %, ukrainisch-orthodox (autokephal) ca. 7 %, griechisch-katholisch (uniert) ca. 8 %, jüdisch ca. 0,6 %, römisch-katholisch, protestantisch ca. 2 %, muslimisch ca. 4 %.

Lebenserwartung: Männer 62 Jahre, Frauen 74 Jahre.

Durchschnittsalter: 39,7 Jahre.

Bevölkerungsentwicklung: –0,62 % (2010).

Bruttoinlandsprodukt: ca. 6700 US-Dollar je Einwohner (2010).

Erwerbstätigkeit: Landwirtschaft 25 %, Industrie 20 %, Dienstleistungen 55 %.

Arbeitslosenrate: 2,9 % (offiziell), geschätzt 8,4 % (2010).

Wichtigste Handelspartner: Russland, Deutschland, Italien, Polen.

Währung: Hryvnja (Гривня) (UAH), 1 Hryvnja = 100 Kopeken (Копiйка).

Nationalfeiertag: 24. August (1991 Unabhängigkeit von der Sowjetunion).

Telefonvorwahl: +380.

Internetkennung: ua.

Geschichte der Ukraine

Die Ukraine ist – von Russland mit seiner eurasischen Ausdehnung abgesehen – mit über 600000 Quadratkilometern das größte Flächenland Europas und fast doppelt so groß wie Polen. Mit knapp 46 Millionen Einwohnern ist die Ukraine nach der Bevölkerungszahl das sechstgrößte Land auf dem Kontinent. Im Süden hat sie durch das Schwarze Meer und durch die Karpaten eine natürliche Grenze. Auch der wasserreiche Pryp'jat' mit seinen Sümpfen im Nordwesten grenzt das Land ab. Doch vom Osten, Norden und auch vom Westen her ist die Ukraine ein offenes, ebenes Land, das das Eindringen fremder Mächte von den Mongolen im 13. Jahrhundert bis zu den deutschen Truppen 1941 begünstigt hat.

Eine bedeutende Rolle spielen die Flüsse. Der größte, der Dnepr (ukr. Dnipro), zieht sich von Weißrussland kommend vom Norden nach Süden durch das Land und mündet bei Cherson ins Schwarze Meer. Der Fluss, nach Wolga und Donau drittlängster in Europa, teilt die Ukraine in eine westliche und eine östliche Hälfte. Westlich des Dnepr verlaufen die Flüsse Dnister (russ. Dnestr) und Südlicher Bug, im Nordosten ist die Desna ein weiterer Nebenfluss, der oberhalb von Kiev in den Dnepr mündet. Weiter östlich fließt der Nördliche Donec', er mündet in den Don und bildet somit eine Verbindung zum Asovschen Meer.

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Ein Gott, ein Volk, eine Ukraine

Die natürlichen Reichtümer der Ukraine sind groß. Zwar verfügt sie anders als Russland nur über bescheidene Öl- und Gasvorkommen, doch es gibt im Donbass immense Steinkohlelagerstätten und – weiter südlich – Eisenerz; beides bildet die Grundlage der ukrainischen Schwerindustrie. Außerdem verfügt das Land in großen Teilen über beste Schwarzerdeböden und über ein milderes Klima als Russland, so dass die Ukraine in der Vergangenheit gern als ›Kornkammer Europas‹ bezeichnet wurde. Zwar ist dieser Ruf durch die Kollektivierung der Sowjetzeit beschädigt, dennoch wird eine effizientere Landwirtschaft wieder an diese Tradition anknüpfen und tut es bereits.

Die Geschichte der Ukraine ist nicht identisch mit der Geschichte des ukrainischen Staates – der Nationalstaat ist ein äußerst junges Gebilde. Es ist vor allem die Geschichte der Region Ukraine. Das Wort ›Ukrajina‹ (von u kraj) bedeutet soviel wie Grenzland, Randgebiet oder ganz einfach ›am Rande‹. In der Steppenregion nördlich des Schwarzen Meeres bildete dieses Land im Mittelalter die Grenze zwischen der sesshaften slawischen Zivilisation und der nomadischen Kultur.

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Schachspieler auf der Krim

Frühe Besiedlung

Die Ukraine war und ist nicht nur Lebensraum der Slawen. Weit bevor sie in die Geschichte eintraten, waren es indogermanische Steppenvölker (Kimmerier, Skythen, Sarmaten, Alanen), die in dieser Region ihre Spuren hinterließen. Nahezu jedes Kreismuseum östlich von Kiev zeigt stolz eine Kollektion von skythischen Steinfiguren, und im Donbass und im Schwarzmeerraum ragen Kurgane, Grabhügel für skythische Anführer, in den Himmel. Außerdem gründeten Griechen aus Kleinasien im Schwarzmeerraum ab dem 6. vorchristlichen Jahrhundert Tochterkolonien. Nach der Zeitenwende siedelten Goten in der Region, außerdem zogen Hunnen und Awaren durch die Steppe Richtung Westen.

Ab dem 6. nachchristlichen Jahrhundert siedelten sich Ostslawen an, allerdings vor allem im waldreichen Nordwesten der heutigen Ukraine. Die offene Steppe blieb noch lange Durchzugsgebiet verschiedener Nomadenvölker. Diese Offenheit führte dazu, dass die Ukraine Händler und Siedler unterschiedlicher Nationalität anzog, die beachtliche Diasporagruppen bildeten und die Ukraine zu einem multiethnischen Raum machten. Nach der Volkszählung von 2001 leben im Land etwa 78 Prozent Ukrainer, 17 Prozent Russen, sowie etwa je 0,5 Prozent (ca. 250000) Krimtataren, Moldauer und Weißrussen, 0,3 Prozent Polen, etwa je 0,2 Prozent Griechen, Juden und Armenier und 33000 Deutsche. Insgesamt leben über 100 Ethnien im Land.

Die Kiever Rus'

Die Ostslawen fanden zu einer ersten Blüte in der Zeit der Kiever Rus'. Ihr Aufstieg ist eng mit den Warägern verknüpft, skandinavischen Kaufleuten, die zwischen den 8. und 12. Jahrhundert mit ihren Schiffen nach Byzanz reisten. Ab dem 9. Jahrhundert ließen sich Waräger auch am Dnepr nieder. Einer ihrer Anführer, Rjurik, wurde zum Begründer einer Dynastie in der Kiever Rus'. Dieser Name rührt daher, dass die Waräger bei den Slawen auch Rusi oder Ruotsi hießen, was vermutlich vom Finnischen kommt, da die Finnen die Küstenbewohner aus Schweden als ›Ruderer‹ (Ruotsi) bezeichneten.

Das verkehrsgünstig gelegene Kiev entwickelte sich schnell, seine Kontakte reichten von Konstantinopel bis ins Frankenreich. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Kiever Rus', als sie 988 unter Großfürst Volodymyr das Christentum byzantinischer Prägung annahmen. Byzanz schickte Mönche und Bischöfe nach Kiev und organisierte den Aufbau der neuen Kirche. Unter der Regentschaft von Volodymyrs Sohn Jaroslav (1036–1054) wurde Kiev ausgebaut, nach dem Vorbild der Hagia Sophia von Konstantinopel ließ er die Sophienkathedrale errichten. Bildung und Kultur waren auf hohem Niveau.

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Galizien-Wolhynien

Es gelang jedoch nicht, die Herrschaft der Kiever Rus' dauerhaft zu festigen. Der innere Halt ließ nach, und so zerfiel die Rus' nach Thronfolgestreitigkeiten in Teilfürstentümer, die unter verschiedene Einflussgebiete gerieten. Der Mongolensturm zu Beginn des 13. Jahrhunderts beschleunigte diese Entwicklung. Während die östlichen und südlichen Gebiete unter direkte Herrschaft der Mongolen gerieten und diesen tributpflichtig wurden, war die mongolische Oberherrschaft im Westen weitaus lockerer.

Zwei wichtige Fürstentümer waren Galizien und Wolhynien im Westen der Rus', die sich um 1200 vereint und zu einem neuen Machtzentrum entwickelt hatten. Die Region spielte als Handelsplatz eine große Rolle, Städte gewannen an Bedeutung, 1256 wurde L'viv gegründet, ab dem 14. Jahrhundert wurde in den Städten das Magdeburger Recht eingeführt, das zur Rechtssicherheit im Handel und im Stadtleben beitrug.

Polen-Litauen und der Einfluss Moskaus

Im 14. Jahrhundert wurde Galizien-Wolhynien unter die beiden aufstrebenden Mächte Polen und Litauen aufgeteilt. Damit geriet die Region im Westen mehr als vierhundert Jahre unter polnischen Einfluss, was zu einer besonderen Entwicklung führte, die sich nach der polnisch-litauischen Personalunion von 1385/86 noch intensivierte. So wurde die orthodoxe ostslawische Oberschicht systematisch polonisiert und konvertierte zum Katholizismus. Die unteren Schichten hingegen hielten an ihrer Sprache und Religion fest. Folge dieser Entwicklung war, dass zwischen Oberschicht und ukrainischer Bevölkerung eine Kluft wuchs, da sich der privilegierte Adel in der Tendenz eher mit der polnischen Oberschicht identifizierte.

Auch im Osten änderte sich die Lage. Während Kiev an Bedeutung verlor, begann im 15. Jahrhundert der Aufstieg des Großfürstentums Moskau zur Hegemonialmacht. Der Metropolit hatte schon um 1300 seinen Sitz nach Moskau verlegt. Und die Mongolenherrschaft hatte ihren Zenit überschritten, als ihr unter dem russischen Großfürsten Ivan III. 1480 das Ende bereitet wurde. Unter ihm begann das ideologisch-religiös motivierte Projekt vom ›Sammeln der russischen Erde‹. Militärisch richtete sich dieser Prozess zuerst gegen Litauen, das 1569 sich unter dieser Bedrohung endgültig mit Polen zum Königreich Polen-Litauen vereinigte. Doch auch Černihiv fiel bereits Anfang des 16. Jahrhunderts an Moskau. Ivans Enkel Ivan IV., der Schreckliche (russ. Ivan Groznyj), übernahm dann von Byzanz sowohl Kaisertitel als auch das Herrschaftssymbol des Doppeladlers. In seinem Herrschaftsbereich hatte eine eigenständige Ukraine von Anfang an keinen Platz.

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Die Bernhardinerkirche in Lemberg

Die Kosaken

Da im 16. Jahrhundert die Rechte der Bauern in Polen-Litauen immer stärker eingeschränkt wurden, flüchteten immer mehr in die südöstlichen Steppen- und Grenzgebiete am Unterlauf des Dnepr, wo sie sich mit dort lebenden Tataren zu unabhängigen Verbänden zusammenschlossen – den Kosaken. Ursprünglich lebten die Kosaken vom Fischfang, von der Jagd und gingen auf Raubzüge. Sie waren keine politischen Akteure. Doch durch den immensen Zulauf und durch ihre militärische Schlagkraft wurden sie für Polen-Litauen zum ernstzunehmenden Nachbarn. Einerseits waren sie zwar steter Unruheherd, andererseits willkommene Verbündete und Grenzhüter. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts versuchte Polen-Litauen, die Kosaken stärker unter Kontrolle zu bringen. Man nahm eine beschränkte Zahl in Dienst, trug diese in Register ein und zahlte ihnen Sold. Diese ›Registerkosaken‹ unterschieden sich in der Folge von den zahlreichen freien Kosaken.

Im 17. Jahrhundert griff Polen-Litauen weiter nach Süden in angestammtes Kosakengebiet aus, errichtete Festungen, nahm weitere Kosaken in die Register auf und gewährte zahlreiche Privilegien, die sonst nur dem Adel zustanden. Dennoch konnte Polen die Kosaken nicht dauerhaft befrieden. Es kam zu Unruhen, als die polnische Krone Privilegien wieder aberkannte. 1637/38 entflammte eine erste große Kosakenerhebung, die blutig niedergeschlagen wurde.

1648 brach unter Führung von Hetman Bohdan Chmel'nyc'kyj ein großer Kosakenaufstand aus, dem sich bald Städte und Bauernschaft anschlossen. Chmel'nyc'kyj fügte dem polnischen Heer schwere Niederlagen zu, polnische Adlige wurden verjagt und ihre Gutsverwalter, meist Juden, getötet. 700 jüdische Gemeinden sollen dabei vernichtet worden sein, die Zahl der Toten wird auf mindestens 10000 geschätzt, vermutlich waren es weitaus mehr. Der Chmel'nyc'kyj-Aufstand geriet so zum ersten Judenmassaker in Osteuropa. Diese Progrome werfen bis heute einen düsteren Schatten auf die ukrainische Geschichte.

In Folge des Aufstandes erreichten die Kosaken für ihr Hetmanat eine relative Unabhängigkeit von der polnischen Krone. Allerdings waren sie auf Dauer nicht in der Lage, sich dem polnischen Einfluss zu entziehen, und suchten daher Verbündete. Diese fanden sie in Moskau. Doch die Kosaken zahlten einen hohen Preis. Nach Verhandlungen unterzeichneten sie im Januar 1654 in Perejaslav einen Vertrag, in dem sie sich dem Moskauer Zaren unterstellten. Damit hatten sie die blutig erkämpfte Autonomie schon wieder verloren. Moskau einigte sich seinerseits mit Polen und teilte das Hetmanat entlang des Dnepr. Das Ostufer fiel russischem Einfluss zu, blieb aber bis 1775 als Hetmanat erhalten, das Westufer wurde dem polnischen Königreich angegliedert.

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Denkmal für Bohdan Chmel’nyc’kyj in Kiev

Einen letzten Versuch, dem Hetmanat seine Eigenständigkeit zurückzugeben, unternahm 1709 der Hetman Ivan Mazepa – erfolglos. Doch Mazepas Name blieb mit dem Aufblühen von Kultur und Bildung in der Ukraine verbunden. Sichtbares Zeichen war der Wiederaufstieg Kievs als religiöses und kulturelles Zentrum der Ukraine.

Katharina II.

Das 18. Jahrhundert war gekennzeichnet vom Niedergang Polens und dem Aufstieg Russlands zur europäischen Großmacht. Unter Katharina II. schritt die ›Sammlung russischer Erde‹ weit voran. 1775 gliederte Katharina das Hetmanat als Provinz in das Reich ein, sie eroberte den Schwarzmeerraum bis zur Krim, schuf das Gouvernement Neurussland, gründete zahlreiche Städte und holte Kolonisten ins Land. Überdies war Katharina Akteurin bei den Polnischen Teilungen von 1772, 1793 und 1795. Bis auf Galizien und das östliche Podolien, die an Österreich fielen, kamen die einstigen Gebiete der Kiever Rus' zum Zarenreich. Die administrative Neuordnung der Gebiete führte zu einer Reihe neuer Gouvernements, für die Kern-Ukraine setzte sich der Begriff Kleinrussland (russ. Malorossija) durch. Unter der Zarenherrschaft wurde die rechtliche und soziale Stellung der ukrainischen Bauern beschnitten, die Kosaken wurden ins Heer eingegliedert oder zogen über die Grenzen Richtung Osten.

Erwachender Nationalstolz

Das 19. Jahrhundert war geprägt vom erwachenden ukrainischen Nationalbewusstsein. Getragen wurde diese Bewegung von jungen Intellektuellen aus dem Adel, unterstützt wurde sie durch die Gründung von Universitäten in Charkiv und Kiev, durch ein entwickeltes Geistesleben mit eigener ukrainischer Literatur und durch eine Rückbesinnung auf die ukrainischen Wurzeln. Taras Ševčenko (1814–1861), Sohn ukrainischer Leibeigener, wurde mit seinen Gedichten zum Nationalpoeten der Ukraine. Wegen seiner Dichtung schickte ihn der Zar in die Verbannung. Später wurde er zwar begnadigt, durfte aber die ukrainische Heimat nie wiedersehen. Sein Begräbnis, zu dem er von St. Petersburg in die Ukraine überführt wurde, geriet zu einer Demonstration des ukrainischen Nationalstolzes.

Nach einer kurzen liberalen Phase verbot Zar Alexander II. aus Angst vor Separatismus 1876 die ukrainische Schriftsprache, Theater und Literatur. Impulse kamen für die Ukrainer in jener Zeit von ihren Landsleuten unter österreichischer Herrschaft. Die Ukrainer im Habsburger Reich erhielten politische Gleichberechtigung, konnten ihre Sprache pflegen und standen stärker unter dem Einfluss liberaler Gedanken. 1890 gründeten die Schriftsteller Ivan Franko und Mychajlo Pavlyk die erste ukrainische politische Partei, die für sozialistische Ziele eintrat. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die ukrainische Bewegung zu einem Massenphänomen geworden. Das alles, aber insbesondere die Publizistik strahlte auch in die russische Ukraine aus.

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Der Schriftsteller Ivan Franko engagierte sich politisch für eine eigenständige Ukraine

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war dort von einer verstärkten Industrialisierung geprägt, während Galizien eher in der allgemeinen Entwicklung zurückblieb. Der Donbass wurde zum Zentrum von Bergbau und Schwerindustrie, die rechtsufrige Ukraine zum Zentrum der Lebensmittelindustrie. Im Donbass profitierten russische und ausländische Unternehmer, in der Lebensmittelindustrie waren polnische Grundbesitzer und jüdische Industrielle maßgebend. An der Mehrheit der Ukrainer ging die rasante Entwicklung vorbei.

Oktoberrevolution und Bürgerkrieg

In der Folge des Ersten Weltkrieges brachen Österreich-Ungarn und das Zarenreich zusammen. In diesem Machtvakuum suchte die ukrainische Nationalbewegung ihre Chance. Eine Woche nach der Februarrevolution 1917 trafen Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen in Kiev zusammen und gründeten die Ukrainische Zentralrada (Central'na Rada), eine Art provisorisches Parlament. Die Rada wählte den Historiker Mychajlo Hruševs'kyj zu ihrem Präsidenten und rief die Ukrainische Volksrepublik (Ukrajins'ka Narodna Respublika, UNR) aus – zuerst noch innerhalb des Russischen Reiches. Doch am 12. (25.) Januar 1918 erklärte sie die Unabhängigkeit: Ihre Hoheitszeichen waren – erstmals in der ukrainischen Geschichte – die blaugelbe Flagge und als Wappen der Tryzub (Dreizahn). Allerdings war die Macht dieser Republik beschränkt. Nur mit Hilfe deutscher Truppen konnte sie ein Angriff der Bolschewiki abwehren, die in Charkiv eine sowjetische Gegenregierung ausgerufen hatten. Als Gegenleistung für die Militärhilfe forderten die Deutschen Getreidelieferungen, außerdem setzten sie Pavlo Skoropads'kyj, einen General und Großgrundbesitzer aus altem Kosakengeschlecht, als Hetman und Regierungschef ein. Skoropads'kyj gelang es nicht, die Ukraine zu stabilisieren. Mit dem Abzug der deutschen Truppen Ende 1918 musste er fliehen, die Macht übernahmen in Kiev Männer der Ukrainischen Volksrepublik unter der Führung von Symon Petljura.

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Relief aus der Sowjetzeit in Žytomyr

Im österreichischen Teil der Ukraine hatte sich inzwischen die Westukrainische Volksrepublik gegründet. Am 22. Januar 1919 schlossen sich diese beiden Republiken zusammen, womit sich ein langgehegter Wunsch der ukrainischen Nationalbewegung erfüllte: Die Ukraine war geeint – ihr Staat war aber ohne Macht und ihr Land ohne Frieden. Im Gegenteil, 1919 wurde die Ukraine blutige und chaotische Hauptbühne des Bürgerkrieges, auf der Rote Armee, Weißgardisten, französische Expeditionstruppen, polnische Truppen und aufständische Bauern agierten. Als im Juni 1919 die Rote Armee endgültig in Kiev einzog, war die ukrainische Staatsgründung gescheitert, der Krieg aber noch lange nicht vorbei. Eines seiner größten Opfer waren die Juden. Bei den von Russen, Polen und Ukrainern angezettelten Pogromen verloren mindesten 30000 Juden ihr Leben.

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Das kleine Staatswappen in den Karpaten

Nach dem für die Bolschewiki verheerend ausgegangenen polnisch-sowjetischen Krieg und mit dem Frieden von Riga vom 18. März 1921 wurde die neue Grenze zwischen Polen und Sowjetrussland festgelegt – die Ukraine war wieder geteilt. Galizien und ein Teil von Podolien kamen zu Polen, die Zentralukraine und der Osten an die Sowjetunion. Einziges Zugeständnis an das ukrainische Nationalgefühl blieb die Gründung der Ukrainischen Sowjetrepublik – mit Hammer, Sichel und Weizenähren im Wappen.

Die Sowjetukraine unter Stalin

Obwohl die Ukraine nach den Jahren des Krieges völlig ausgeblutet war, erholte sie sich relativ schnell. Eine flexible Nationalitätenpolitik und die zeitweilige Abkehr von sozialistischen Dogmen in der Wirtschaft trugen das ihre dazu bei. Ende der 1920er Jahre war es damit aber schon wieder vorbei. Das im ersten Fünfjahresplan (1929–1933) postulierte Primat der Schwerindustrie und die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft stürzten die Ukraine in eine schwere Krise. Die neu geschaffenen Kolchosen erwiesen sich als ineffizient und stießen bei den ukrainischen Bauern auf erbitterten Widerstand. Die Erinnerung an die Tradition des freien Bauerntums war bei ihnen weitaus lebendiger als bei ihren russischen Leidensgenossen. Die Bauern verhinderten Getreidelieferungen, schlachteten heimlich das Vieh, um es nicht abliefern zu müssen, und versteckten Maschinen und Ernte. Stalins Propagandisten sparten ihrerseits nicht mit brutaler Gewalt gegen die ›Kulaken‹, was 1931 zu einer Missernte führte.

Die Zwangsmaßnahmen wurden weiter verschärft, die Situation verschlechterte sich zusehends und führte im Folgejahr zu noch größeren Ernteausfällen. Ihre Folge war eine entsetzliche Hungersnot (ukr. Holodomor) bei der schätzungsweise sechs Millionen Menschen starben. Stalin leugnete diese von ihm angerichtete Tragödie und sprach von einem Märchen, während in den Städten und Dörfer die Menschen auf offener Straße verendeten.

Ab 1936 setzte außerdem die sogenannte ›Große Säuberung‹ ein, bei der Stalin gegen potentielle Gegner aus den eigenen Reihen vorging. Zehntausende Geistliche, Handwerker, Bauern, Lehrer, Akademiker, Juden, Intellektuelle, Schriftsteller, Offiziere und Genossen wurden verhaftet, in Lager geschickt, hingerichtet. Fast die gesamte Oberschicht wurde von Stalin ausgerottet. Millionen Menschen sind in der Sowjetunion ums Leben gekommen, in Weißrussland und der Ukraine war der Anteil der Ermordeten an der Gesamtbevölkerung noch höher als in Russland.

Zweiter Weltkrieg

So nahm es nicht wunder, dass die deutschen Truppen, als sie am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfielen, an vielen Orten in der Ukraine als Befreier empfangen wurden. Aber Hitler dachte nicht daran, der Ukraine eine andere Rolle zuzugestehen als die des Getreidelieferanten. Die Ukrainer waren im Rassedenken der Nazis wie alle Slawen Untermenschen. Ukrainische Einsatzgruppen und Hilfskommandos erwiesen sich bei der Ermordung von Hunderttausenden Juden als willfährige Handlanger der Nazis. Als die Deutschen 1944 abziehen mussten, hinterließen sie ein vielerorts zerstörtes Land. Die neue Ukrainische Sowjetrepublik nach den Zweiten Weltkrieg war aufgrund der Bestimmungen der Potsdamer Konferenz größer: Zu ihr gehörten auch die bisher polnischen Gebiete im Westen mit L'viv als Zentrum, der nördliche Teil der Bukowina um Czernowitz (Černivci), der in der Zwischenkriegszeit zu Rumänien gehört hatte, und Transkarpatien mit Užhorod, das bis dahin zur Tschechoslowakei gehört hatte. Die Ukraine war so groß wie nie – aber noch immer gleichgeschaltet und unter Moskauer Herrschaft.

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Sammelfriedhof für deutsche Soldaten in Potelyč

Von Stalin zu Gorbatschow

Wegen des früheren österreichischen und polnischen Einflusses galt dem misstrauischen Stalin die Westukraine noch über Jahre als Schlangennest. Schon bald nach dem Krieg kam es zu ethnischen Säuberungen, in deren Folge etwa eine Million Polen in die ehemals deutschen Gebiete im Westen Polens deportiert wurde. Gleichzeitig wurde etwa eine halbe Million Ukrainer aus Polen in die Westukraine umgesiedelt. Doch auch innerhalb der Sowjetunion kam es zum Bevölkerungstausch: Mehrere Hunderttausend Westukrainer wurden nach Sibirien deportiert, gleichzeitig wanderten Russen ein.

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Wohnungsbau aus sowjetischer Zeit

Die Westukraine kam noch lange nicht zur Ruhe. Die sowjetischen Behörden verboten die unierte Kirche, der die meisten Westukrainer angehörten, und verfolgten die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA), die in Galizien und in den Karpaten mit Attentaten und Sabotage die Sowjetmacht bekämpfte und von den Einheimischen unterstützt wurde. Erst ab 1948 gelang es Polizei und Geheimdienst, die UPA allmählich zu schwächen.

Auch auf der Krim kam es zur Deportation: Wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen wurden 1944 auch die Krimtataren nach Mittelasien verschleppt, stattdessen wurden Russen angesiedelt. Erst mit dem Tode Stalins und dem Machtwechsel zu Nikita Chruschtschow entspannte sich die Lage. Eine liberalere Nationalitätenpolitik brachte der Ukraine größere kulturelle Spielräume, die auch dadurch unterstützt wurden, dass wieder mehr Ukrainer in die Nomenklatur aufgenommen wurden und hohe Funktionen in Kiev und Moskau innehatten.

Doch durch die Begünstigung des Russischen an Schulen und Hochschulen verlor die ukrainische Sprache immer mehr an Boden. Der Zuzug von Russen in die Industrieregionen des Ostens förderte diese Entwicklung. Insbesondere aus den Städten wurde das Ukrainische verdrängt – bis auf die Westukraine mit ihrem Zentrum L'viv.

Dort formierte sich in den 1960er Jahren eine Opposition, die vorerst vor allem für nationalkulturelle Ziele eintrat. Doch mit dem Machtwechsel auf Michail Gorbatschow wurden daraus politische Forderungen, Parteien wurden gegründet, und mit dem Machtverlust der Kommunistischen Partei wurde der Ruf nach Unabhängigkeit immer lauter. Die politisch einflussreichste Bewegung der Wendezeit war die Bewegung ›Ruch‹. Als erster Erfolg wurde Anfang 1990 Ukrainisch zur Staatssprache erklärt. Der Oberste Sowjet der Ukraine setzte sich immer stärker von der Moskauer Zentralregierung ab.

Am 21. August 1991 scheiterte ein Putsch gegen Kremlchef Michail Gorbatschow, angezettelt vom KGB-Chef und vom Verteidigungsminister. Damit war das Ende der Sowjetunion besiegelt. In den Folgetagen setzten sich alle Sowjetrepubliken von Moskau ab.

Die unabhängige Ukraine

Am 24. August 1991 erklärt der Oberste Sowjet der Ukraine die Unabhängigkeit. Bei den ersten Präsidentschaftswahlen am 1. Dezember 1991 wurde der gewendete Kommunist und damalige Parlamentspräsident Leonid Kravčuk zum Präsidenten gewählt. Die Ukraine gab sich die Staatsform einer Präsidialrepublik. Doch die politische und wirtschaftliche Entwicklung stagnierte, so dass Kravčuk bei der Wahl im Juli 1994 das Präsidentenamt an den Raketentechniker Leonid Kučma abgeben musste.

Kučma setzte auf wirtschaftliche Integration mit Russland, bemühte sich aber gleichzeitig um Einbindung in westliche Strukturen. Doch der Aufschwung blieb aus. Mit kräftiger Unterstützung des staatlichen Fernsehens wurde Kučma 1999 bei den Präsidentschaftswahlen dennoch im Amt bestätigt. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit machte Kučma den Chef der Nationalbank, Viktor Juščenko, zum Ministerpräsidenten. Als Bankenchef hatte Juščenko die Hryvnja als Währung eingeführt und das Finanzwesen saniert. Als Ministerpräsident fuhr er einen wirtschaftlichen Reformkurs. Erstmals seit 1991 hatte die Ukraine kräftige Wachstumszahlen.

Doch mit der Entlassung Juščenkos , ausgelöst durch ein Misstrauensvotum des Parlaments, der Verchovna Rada, begann der Niedergang Kučmas, der durch Cliquenwirtschaft und etliche politische Skandale noch beschleunigt wurde. Der größte war die Ermordung des regierungskritischen Journalisten Georgi Gongadse, in die Kučma verwickelt gewesen sein soll.

Die Orangene Revolution

Leonid Kučma trat im Herbst 2004 nicht mehr zu einer dritten Amtszeit an, sondern er versuchte durch massive Beeinflussung, seinen damaligen Ministerpräsidenten Viktor Janukovič, der auch von Russland kräftig unterstützt wurde, ins Amt zu hieven. Der Gegenkandidat der Opposition war Ex-Premier Viktor Juščenko. Im Wahlkampf wurde auf Juščenko ein Giftanschlag verübt, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Seine Gesundheit ist seitdem angeschlagen und sein Gesicht dauerhaft entstellt. Die Urheber des Anschlages wurden nicht gefunden.

Im ersten Wahlgang siegte hauchdünn Viktor Juščenko. Als nach der Stichwahl Janukovič zum Sieger erklärt wurde, brach ein Sturm los. In friedlichen Massenprotesten versammelten sich Hunderttausende mit Orangenen Tüchern, der Farbe der Opposition, und warfen der Regierung Wahlfälschung vor. Wahlbeobachter der OSZE bestätigten, dass die beiden Wahlgänge nicht den internationalen Standards genügten. Am 3. Dezember 2004 annullierte das Oberste Gericht der Ukraine den zweiten Wahlgang und setzte für den 26. Dezember einen neuen an, bei dem Viktor Juščenko klar zum Präsidenten gewählt wurde. Die Orangene Revolution hatte gesiegt. Erstmals hatte die Ukraine einen Präsidenten, der sich klar gegen die hegemoniale Bevormundung Moskaus wehrte und versprach, sein Land in die EU zu führen.

»Ich schwöre, dass wir unser Leben ändern werden!« Mit diesem Versprechen trat Viktor Juščenko sein Amt am 23. Januar 2005 an. Die Ziele waren hochgesteckt, doch trotz aller Euphorie bewies auch die Wahl Juščenkos, dass die Ukraine kulturell und mental uneinheitlich blieb. Während der Osten und der Schwarzmeerraum mehrheitlich Viktor Janukovič unterstützte, fand Juščenko seine Anhänger im Westen und in der Zentralukraine. Außerdem war klar, dass Moskau Juščenkos Kurs hintertreiben würde.

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Ehemalige ukrainische Präsidenten als Souvenir, von links: Juščenko, Kučma, Kravčuk und Hruševs’kyj

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Anti-NATO Demonstration in Odessa

Viktor Juščenko ernannte bald nach Amtsantritt seine politische Weggefährtin Julija Tymošenko zur Premierministerin. Tymošenko ist eine erfahrene Unternehmerin, allerdings steht sie in dem Ruf, bei den Privatisierungen im Energiebereich in den 1990er Jahren selbst kräftig profitiert zu haben. So sehr, dass sie wegen Steuerhinterziehung, Gasschmuggel und Urkundenfälschung Anfang 2001 beriets in Untersuchungshaft saß. Zu einer Anklage führte das jedoch nicht. Statt dessen avancierte Tymošenko durch die kurze Zeit ihrer Haft bei ihren Anhängern zur Märtyrerin. Viel mehr als dem oft zögerlichen Juščenko flogen ihr bei den Demonstrationen in Kiev die Herzen zu. So war es für Juščenko konsequent, die charismatische Tymošenko in die neue Regierung einzubinden.